Finanzieller Nihilismus: Wenn klassisches Sparen sinnlos wirkt
Finanzieller Nihilismus ist das Gefühl, dass sich klassisches Sparen nicht mehr lohnt. Das ist kein Leichtsinn, sondern eine Reaktion auf eine veränderte Realität.
Brian Livingstone
Co-Founder und CEO
6 Min. Lesezeit

Foto: Unsplash
Was heisst finanzieller Nihilismus?
Nihilismus ist eigentlich ein Begriff aus der Philosophie. Er beschreibt eine Weltanschauung, in der das Leben keinen übergeordneten Sinn hat: keine höhere Macht, keine festen Werte, kein grosses Ziel. Und wenn ohnehin nichts eine Bedeutung hat, verlieren auch Regeln und Verpflichtungen an Gewicht.
Ganz so düster ist der finanzielle Nihilismus (englisch: financial nihilism) nicht, die Essenz lässt sich aber übertragen. Im Kern beschreibt er das Gefühl der finanziellen Aussichtslosigkeit. Die wirtschaftliche Lage hat sich verändert, weshalb die Ratschläge unserer Eltern und der Gedanke des langfristigen Sparens an Bedeutung verloren haben. Ein Satz wie «Wofür soll ich sparen, ein Eigenheim kann ich mir sowieso nie leisten» prägt nicht nur, wie viele junge Erwachsene über Geld denken, sondern auch, wie sie damit umgehen. In traditionellen Kreisen würde man solches Finanzverhalten wohl schlicht als verantwortungslos abstempeln.
Was treibt finanziellen Nihilismus an?
Eine einzelne Ursache gibt es, wie so oft, nicht. Denn vieles spielt zusammen, und die Gewichtung ist bei jeder Person anders. Meines Erachtens gibt es aber drei Haupttreiber.
Erstens: Der traditionelle Sparplan geht nicht mehr auf
Einen Job finden, anständig zur Seite legen, mit Mitte 30 ein Haus kaufen und mit 65 wohlverdient in Rente gehen. So klangen die Ratschläge unserer Eltern, und für sie haben sie funktioniert.
Heute geht die Rechnung nicht mehr auf. Vor Teuerung sind die Löhne von 2000 bis 2024 um rund 30% gestiegen, die Preise für Wohneigentum seit 2000 aber um 128%. Nach Teuerung blieben von den 30% nur rund 13%.

Laut Raiffeisen braucht ein junger Haushalt mit knapp CHF 120'000 Einkommen, der einen Viertel davon spart, heute 6.5 Jahre, nur um die 20% Eigenkapital für eine durchschnittliche Eigentumswohnung zusammenzubringen. 2010 waren es vier. Weil viele zusätzlich an der Tragbarkeit scheitern, braucht es effektiv sogar 43% Eigenkapital, also rund CHF 410'000. Entsprechend sind Erstkäuferinnen und Erstkäufer in der Schweiz im Schnitt 48 Jahre alt.

Gleichzeitig steigen die Fixkosten: Die Angebotsmieten legten in 15 Jahren um 27% zu, und die mittlere Krankenkassenprämie hat sich seit 1996 von CHF 128 auf CHF 412 für 2027 mehr als verdreifacht. Da die Prämien nicht in die offizielle Teuerung einfliessen, erzählt das Reallohnwachstum nur die halbe Geschichte. Fast die Hälfte der Schweizer Gen Z lebt von Lohn zu Lohn.
Dazu kommt mehr Eigenverantwortung bei der Vorsorge: Eine Säule 3a ist praktisch Pflicht für alle, die ihren Lebensstandard im Rentenalter aufrechterhalten möchten. Und die viel zitierte grösste Vermögensübertragung der Geschichte? In der Schweiz werden jährlich rund CHF 100 Milliarden vererbt, die Erbenden sind beim Erben aber typischerweise rund 60 Jahre alt. Das Geld kommt, nur zu spät fürs Eigenheim.
Stellt sich halt schon die Frage: Bringt uns der Sparplan unserer Eltern überhaupt noch das Leben, das er ihnen gebracht hat?
Zweitens: Erwartungen, die nicht mithalten
Ich möchte hier nicht zu tief auf Konsumgesellschaft und Social Media eingehen, das ist ein Thema für ein anderes Mal. Trotzdem sind sie für mich ein zentraler Treiber. Teure Autos, grosse Villen, Designerkleider und Luxusferien sind auf Social Media ein täglicher Anblick, am besten alles vor dem 25. Geburtstag. Schweizer Jugendliche verbringen unter der Woche rund drei Stunden täglich am Smartphone, ein beträchtlicher Teil davon auf Social Media. Gleichzeitig holen sich in der Schweiz 13% der 18- bis 24-Jährigen und 15% der 25- bis 34-Jährigen Rat bei Finfluencern, was nicht schlecht sein muss, aber Risiken bergen kann. Wer Geld vor allem über Social Media kennenlernt, sieht meist nur schnelle Gewinne, selten das langsame, «langweilige» Sparen.
Im Internet zählt oft monetärer Erfolg, und wer ihn nicht jung erreicht, fällt gefühlt zurück. «Ich will das gute Leben auch jetzt und nicht mit 70» ist ein Kernargument. FOMO, die Fear of Missing Out, ist dabei ein enorm starker psychologischer Treiber. Mit 25 Lamborghini zu fahren ist nun mal verlockender als mit 65.
Drittens: Krisen verdrängen den Sparhorizont
Seit ich mir persönlich Gedanken über Geld mache, stolpern wir von einer Krise in die nächste: Klimawandel, Covid, Krieg und jetzt Gefahren durch KI. Je nachdem, wo man sich online bewegt, lautet die Frage nicht mehr, ob uns ein Doomsday-Szenario trifft, sondern eher welches. Damit will ich unsere Generation nicht in die Opferrolle drängen. Ob es Mitte 20 in den Achtzigern einfacher war, kann ich nicht beurteilen. So fühlt sich der Zeitgeist für viele von uns aber an.
Das wirft die Frage auf: Wieso überhaupt für die Zukunft sparen? Die Zukunft ist ungewiss, meine Ferien auf Bali sind es nicht. Wer nicht glaubt, dass morgen besser wird als heute, spart auch nicht dafür. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Rente: 2025 befürchteten 49% der Schweizer Gen Z, nicht finanziell abgesichert in Pension gehen zu können, ein Jahr zuvor waren es noch rund 30%. Die wenigsten werfen deshalb ihr Geld zum Fenster hinaus. Die Prioritäten verschieben sich aber, bei den einen mehr, bei den anderen weniger.
Was sind die Folgen?
Der Mensch ist bekanntlich sehr anpassungsfähig. Wenn der klassische Weg verbaut scheint, sucht er einen anderen. Die Antwort vieler: mehr Risiko. Wer mit normalem Sparen nicht ans Ziel kommt, braucht höhere Renditen, und die gibt es nur mit höherem Risiko. Umgekehrt gilt das allerdings nicht, hohes Risiko bringt nicht automatisch hohe Rendite. Der Gedanke «Ich habe nichts zu verlieren, ohne Glück kann ich mir sowieso nie etwas leisten» treibt trotzdem viele Entscheidungen an.
Die Zahlen zeigen den Trend. In der Schweiz besitzen inzwischen 18% der Erwachsenen Krypto, 2024 waren es noch 11%. Investitionen in Bitcoin bleiben laut FINMA hoch riskant, die Kurse von Kryptowährungen schwanken stark. Die Zahl der Online-Sportwettenden ist in zehn Jahren um rund 40% gestiegen, und bei den jungen Männern zwischen 15 und 24 spielt laut Sucht Schweiz rund jeder Zehnte problematisch.
Klar, vor 30 Jahren gab es diese Möglichkeiten schlicht nicht. Und erhöhte Risikobereitschaft bedeutet nicht gleich Nihilismus. Wer mit 25 mehr in Aktien oder ETFs steckt als seine Eltern, handelt rational, schliesslich hat er Jahrzehnte Zeit. Nihilistisch wird es dort, wo aus Investieren Glücksspiel wird: Meme Coins, Optionen und Sportwetten in der Hoffnung auf den einen grossen Treffer. Wie stark dieser Trend mit finanziellem Nihilismus zusammenhängt, lässt sich nicht abschliessend sagen. Ein Muster ist aber erkennbar.
Fazit
Finanzieller Nihilismus ist kein Zeichen von Verantwortungslosigkeit, sondern eine Reaktion auf eine veränderte Realität. Wohneigentum und Fixkosten sind den Löhnen davongelaufen, Social Media setzt den Massstab unrealistisch hoch, und die Krisen der letzten Jahre lassen die Zukunft für viele unsicher wirken.
Wer jung ist, muss sich dafür nicht rechtfertigen. Wer älter ist, muss es nicht gutheissen, aber verstehen lohnt sich. Denn hinter einem Krypto-Kauf oder einer Sportwette steckt oft weniger Leichtsinn als die ehrliche Frage, wie man es mit den alten Regeln überhaupt noch schaffen soll.
Quellen
BFS Lohnindex: Nominallöhne, Konsumentenpreise und Reallöhne
IAZI Transaktionspreisindizes, Stand 31.03.2025, via Bilanz
Raiffeisen Studie, via NZZ
Wüest Partner, via Nau
Erbschaften, Universität Lausanne, via SRF und E4S White Paper 2026
Sucht Schweiz und SRF
Dieser Text gibt eine persönliche Meinung wieder. Er ist keine Finanz-, Steuer- oder Rechtsberatung.
Geschrieben von
Brian Livingstone
Co-Founder und CEO
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